CARINA KONRAD

MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

Frist für Ferkelkastration ohne Betäubung verlängert

Ein Armutszeugnis der GroKo

Ferkel dürfen weitere zwei Jahre ohne Betäubung kastriert werden. Dabei hatte die GroKo fünf Jahre Zeit, vorhandene Lösungen zu besserem Tierschutz umzusetzen. Nichts ist passiert, das zuständige Ministerium duckt sich lieber weg.

In der letzten Woche wurde im Deutschen Bundestag ausgiebig über die Kastration von Ferkeln diskutiert. Dass landwirtschaftliche Themen im Hohen Haus Gehör finden, ist für mich als Landwirtin erfreulich. Die Debatte über die Ferkel kam aber einige Jahre zu spät: Das Gesetz, das mehr Tierschutz bei der Kastration ermöglichen soll, ist bereits vor fünf Jahren verabschiedet worden. Fünf Jahre Übergangszeit, in der – von politischer Seite – nichts getan wurde.

Als Praktikerin irritiert mich die Leidenschaft, mit der die Debatte geführt wurde. Ich frage mich: Vermenschlichen wir Tierhaltung in Debatten und machen dadurch Lösungsfindung unmöglich?

Ebergeruch: Warum Ferkel überhaupt kastriert werden
Der Grund ist nicht in erster Linie, unerwünschte Fortpflanzung zu verhindern. Nein, es geht um Tierschutz, weil Eber untereinander nicht sehr freundlich miteinander umgehen und Verletzungen eher die Regel als die Ausnahme sind, und den Ebergeruch. Den entwickelt nämlich ein geringer Anteil männlicher Schweine, wenn sie älter werden. Wenn der Mensch nun das Schweinefleisch brät, tritt dieser Geruch hervor und wird vom Menschen als unangenehm empfunden. Die freigesetzten Hormone können auch den Geschmack beeinträchtigen.

Geld regiert die Welt – stinkendes Schweinefleisch verkauft sich nicht
Der Handel will kein Risiko eingehen. Stinkendes Schweinefleisch verkauft sich nicht, also muss die Geruchsentwicklung unterbunden werden. Mit der Entfernung der Hoden wird die Bildung der Hormone verhindert, die für den Geruch verantwortlich sind. Und da man lange davon ausging, dass frisch geborene Ferkel noch keinen Schmerz empfinden, durfte die Kastration ohne Betäubung erfolgen, solange die Ferkel nicht älter waren als acht Tage.

Änderung des Tierschutzgesetzes: Politische Initiativen? Fehlanzeige!
2013 wurde dann allerdings eine Änderung des Tierschutzgesetzes beschlossen. Diese besagt, dass ab dem 1. Januar 2019 Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Medikamente, um die Ferkel lokal oder gänzlich zu betäuben, sind in Deutschland jedoch nicht zugelassen. Man sollte also meinen, das Bundeslandwirtschaftsministerium hätte umgehend nach dem Beschluss angefangen, über mögliche Alternativen nachzudenken: geprüft, wie es die Nachbarländer machen; mit Pharmaunternehmen und dem Bundesinstitut für Arzneimittel gesprochen; sich mit Ferkelerzeugern ausgetauscht. Stattdessen ist es auf Tauchstation gegangen.

Schweinebauern in der Zwickmühle
Je näher 2019 rückte, desto größer wurde die Verunsicherung bei den Schweinebauern. Wenn die Kastration ohne Betäubung verboten wäre, es aber keine zugelassenen Betäubungsmittel gäbe, wie sollten sie sich dann künftig verhalten? Wenn sie die Ferkel wie bisher kastrierten, würden sie sich strafbar machen. Wenn sie sie nicht mehr kastrierten, nähme der Handel ihnen das Fleisch nicht mehr ab. Die Bauernverbände forderten die schwarz-rote Bundesregierung auf, die Branche aus der Zwickmühle zu befreien, die ganz konkret ihre Existenz bedrohte: Jeder zweite Ferkelerzeuger zieht es in Betracht, seinen Betrieb 2019 zu schließen, weil Perspektiven und Planungssicherheit von Seiten der Politik ausblieben. Dabei gibt es durchaus Lösungen!

Vier Lösungen liegen auf dem Tisch
Ebermast:Die männlichen Ferkel werden nicht kastriert, sondern vor der Geschlechtsreife geschlachtet, mit etwa 80 Kilo Gewicht. In den Niederlanden oder Spanien ist das bereits gängige Praxis. In Deutschland fehlt dafür aber die Akzeptanz im Handel. In den fünf Jahren, die seit der Gesetzesänderung vergangen sind, hätte man diese durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit wahrscheinlich verbessern können. Auch hätte man in die Technik investieren können, die die paar Prozent Eber mit Ebergeruch identifizieren kann, sodass ihr Fleisch gar nicht erst in den Handel gelangt. Aber nichts davon ist passiert.

Immunokastration:Hierbei wird durch ein nicht-chirurgisches Verfahren verhindert, dass sich Geschlechtshormone im Schwein überhaupt bilden. Während die Wissenschaft keine Bedenken hat, was die Lebensmittelsicherheit beim Verzehr solchen Schweinefleischs angeht und die Methode für die tierfreundlichste hält, sieht die Schlachtindustrie das anders: Sie hält das Fleisch von immunokastrierten Schweinen für schlecht vermarktbar und lehnt den Weg deshalb ab. Verbraucher, so argumentieren sie, würden Rückstände im Fleisch befürchten und es aus Angst vor gesundheitlichen Schäden nicht kaufen.

Vollnarkose:Hier könnte das Narkosegas Isofluran zum Einsatz kommen. Das ist bislang aber nur zur Anwendung bei Pferden zugelassen. Aus diesem Grund gibt es auch keine Inhalationsmasken, die für Ferkel passend sind. Es muss aber sichergestellt werden, dass die Ferkel die genaue Menge inhalieren, um wirklich schmerzfrei zu sein. Bisher darf das Mittel nur von Tierärzten angewandt werden. Damit es Landwirte selbst einsetzen dürfen, müssten sie zunächst einmal die notwendige Sachkunde erlangen. Zudem muss gesichert sein, dass der Landwirt kein Gas einatmet. Denn wer regelmäßig Ferkel auf die Art betäubt, könnte andernfalls selbst gesundheitliche Schäden davontragen.

Lokalanästhesie:Man könnte mit Isofluran auch nur örtlich betäuben. Als “schmerzfrei” gilt diese Methode nicht – das deutsche Tierschutzgesetz schreibt aber Schmerzfreiheit vor. In anderen Ländern, in denen die Auflage “schmerzlindernd” heißt, wird dieser vierte Weg bereits erfolgreich umgesetzt. Hierzulande fehlt es jedoch auch an der entsprechenden Schulung der Landwirte. Wie bei allen anderen drei Wegen gilt: Seit 2013 wäre genügend Zeit gewesen, sie zu ebnen, damit Landwirte ab nächstem Jahr frei wählen können.
Was macht Deutschland, dieses hoch entwickelte Land der Wissenschaft und Forschung? Man sollte meinen, es nutzt die Zeit bis zum Fristende, um alle Möglichkeiten auszuloten. Schließlich steht die deutsche Ferkelerzeugung auf dem Spiel, und mit ihr Marken wie der Schwarzwälder Schinken oder die Thüringer Rostbratwurst. Aber nein, das zuständige Ministerium duckt sich weg und kümmert sich lieber um andere Themen.

Das Tierwohllabel etwa, denn mehr Tierschutz zu fordern, ist gerade populär, und das Label ist nicht so unappetitlich wie die Kastration. Man übersieht dabei nur eine wichtige Tatsache: Damit die Haltungsbedingungen, die zum Erhalt des Labels umgesetzt werden sollen, auch kontrolliert werden können, müssen die Schweine in Deutschland geboren, aufgezogen, geschlachtet und vermarktet werden.

Zahl deutscher Ferkelerzeuger zwischen 2010 und 2016 halbiert
Die Zahl der deutschen Ferkelerzeuger hat sich allerdings bereits zwischen 2010 und 2016 halbiert. Und die, die noch da sind, denken ebenfalls mehrheitlich darüber nach, den Betrieb zu schließen. Zu hoch sind die Hürden, zu gering die Wertschätzung. Schon heute kann Deutschland seinen Bedarf an Schweinefleisch nicht mehr selbst decken und ist auf Importe, vor allem aus Dänemark und den Niederlanden, angewiesen. Dort hat man gehandelt, als die betäubungsfreie Kastration verboten wurde, und Standards etabliert, die mehr Tierwohl bringen, aber auch den Bauern Spielraum verschaffen.

Fristverlängerung: Deutschland ist Nachzügler statt Vorreiter
Statt moderne Tierhaltung weiterzuentwickeln und Vorbild für seine EU-Nachbarn zu sein, hechelt Deutschland ihnen atemlos hinterher und schafft es bis wenige Wochen vor Januar 2019 lediglich, die Frist um zwei weitere Jahre zu verlängern.

Während die Regierungsparteien sich also vergangene Woche im Bundestag für diese Prokrastination lobten, die den Ferkeln nichts nutzt und den Bauern allenfalls eine Verschnaufpause verschafft, ging die Opposition mit ihnen hart ins Gericht. Die Wucht der Debatte war überraschend; jeder hatte plötzlich etwas dazu zu sagen. Was mir dabei sauer aufstößt, ist die fortschreitende Vermenschlichung. Ein Ferkel ist kein Baby. Und Lösungsfindung ist in einer derart aufgeheizten Debatte unmöglich.

Die Folgen sind fatal: Wer es sich betriebswirtschaftlich leisten kann, wird mit der Schweinezucht aufhören. Die Theken im Supermarkt bleiben auch in Zukunft gefüllt. Mit Tieren aus dem Ausland, die lebend nach Deutschland transportiert werden, um hier auf die letzte Reise zu gehen. “Made in Germany” scheint zumindest seitens der GroKo kein Zukunftssiegel zu sein.

Wir müssen uns sachlich auf mehr Tierschutz besinnen
Fazit: Besinnen wir uns auf das, worum es ursprünglich einmal ging – mehr Tierschutz – und lassen wir Emotionen und Ideologien außen vor. Die Lösungen sind da, jetzt gilt es, so viele wie möglich anwendbar zu machen und sich nicht auf eine zu versteifen. Die Politik sollte sich bei der Lösungsfindung grundsätzlich an gesicherten Fakten orientieren und nicht von frommen Wünschen in die Irre leiten lassen.

Der Gastbeitrag ist bei FOCUS Online erschienen: https://www.focus.de/politik/experten/ferkelkastration-ohne-betaeubung-verlaengert-ein-armutszeugnis-der-groko_id_9947828.html

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