Offener Brief an die NABU-Bundesgeschäftsstelle Deutschland

Sehr geehrter Herr Krüger,

in meiner Funktion als Bundestagsabgeordnete und stellv. Vorsitzende im Agrarausschuss des Bundestags bin ich auf die Zustände im Naturschutzgebiet Wöhrdener Loch im Speicherkoog Dithmarschen gestoßen.

Dass Ihr Landesverband in Schleswig-Holstein seine Verantwortung für die Konikpferde derart vernachlässigt hat, dass mehrere Tiere an den Folgen von Unterernährung jämmerlich verendet sind, ist unerträglich. Tiere sind Lebewesen, die Hunger und Schmerz spüren, genau wie wir Menschen. Sie haben unseren Respekt verdient und sind, wenn wir sie domestizieren, von uns abhängig.

Wer die Verantwortung für sie übernimmt, der muss dafür sorgen, dass sie sich nicht unkontrolliert und inzestuös vermehren. Das scheint aber in Dithmarschen der Fall gewesen zu sein, denn innerhalb weniger Jahre ist die Herde auf über 70 Tiere enorm gewachsen.

Wer die Verantwortung für Tiere übernimmt, der muss sie füttern und pflegen. Wenn im Winter nicht genug Gras wächst, muss man Weidetieren Heu zufüttern. Wenn sie krank werden, brauchen sie einen Tierarzt und evtl. Medizin. Pferde benötigen zudem eine Huf- und Fellpflege.

Wenn man Wildpferde über Jahre domestiziert, kann man sie anschließend nicht einfach auf einer eingezäunten Weide sich selbst überlassen und hoffen, dass sie sich selbstständig von dem, was dort wächst, ernähren werden. Das weiß jeder, der etwas von Nutztierhaltung versteht.

Der für die Pferde verantwortliche Mitarbeiter, Ernst Gloe, erklärte, die Situation habe sich “plötzlich zugespitzt”, da es viel geregnet habe. Als Landwirtin frage ich mich, wie sich eine Situation dieses Ausmaßes “plötzlich zuspitzen” kann? Kein Pferd magert innerhalb weniger Tage zum Skelett ab, erst recht nicht eine so anspruchslose Rasse wie das Konik. Es stellt sich nicht nur mir die Frage, wie lange die Herde unkontrolliert gewesen sein muss, damit Tiere verhungern konnten?

Als NABU Deutschland erhalten ihre Untergliederungen nicht unerhebliche Zuwendungen aus den Agrarzahlungen, die aus Steuergeldern finanziert werden. Die bekommen sie nicht ohne Grund: Man erwartet im Gegenzug von Ihnen Leistungen und wichtige Impulse für den Umwelt- und Artenschutz.

Wenn nun einer Ihrer Verbandsgliederungen sich derart verantwortungslos verhält und auch im Nachhinein keine Einsicht zeigt, sondern den Vorwurf, die Tiere seien verhungert, einfach von sich weist, dann erwarte ich von Ihnen als NABU Deutschland, dass sie Konsequenzen ziehen. Sie müssen sich offiziell von den Vorfällen in Schleswig-Holstein distanzieren und den Verband dazu bewegen, die Verantwortung für den Tod der Tiere zu übernehmen. Denn auch eine Totgeburt oder ein Herz-Kreislauf-Versagen sind nichts anderes als die direkten Folgen einer Unterernährung – das muss jedem klar sein.

Landwirte erwerben in Ausbildung und Studium das nötige Fachwissen, um Nutztiere artgerecht zu halten. Jeder Landwirt, der Tiere hält, wird von den zuständigen Veterinärämtern kontrolliert und im Falle eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz hart sanktioniert. Wenn in Ihren Landesverbänden die notwendige Expertise fehlt, sollten Sie darüber nachdenken, Landwirte als Berater mit ins Boot zu holen.

In Erwartung Ihrer Stellungnahme und Aufklärung über diesen Sachverhalt verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Carina Konrad
Deutscher Bundestag
Platz der Republik 1
11011 Berlin

pd Fotografie

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2 Gedanken zu „Offener Brief an die NABU-Bundesgeschäftsstelle Deutschland

  1. Wolfgaeng Scholle, Schäfermeister Antworten

    Da ist eine Tierwirtschaftsmeister*in gefragt. Jemand mit Erfahrung. Dazu gehört eine fundierte Ausbildung und die praktische Expertise. Da reichen Praktika im Studium nicht. Das können auch keine Biologielehrer. Viele Grüße aus Lichtenau Westf.

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