CARINA KONRAD

MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES

Plastikmüll im Meer

Plastikmüll im MeerEU-Verbote lösen das Plastikproblem nicht

Die Weltmeere sind stark mit Plastik verschmutzt. Die EU will nun Einwegprodukte aus Plastik verbieten. Ein guter Ansatz, aber das eigentliche Problem wird dadurch nicht gelöst. Dafür müssten wir viel globaler denken.

In den frühen Neunzigern stand meine Oma ratlos im Hof. Die Gemeinde hatte eine neue gelbe Mülltonne gebracht. „Wie sollen wir die denn jemals vollkriegen?“, fragte meine Mutter. Wir waren weitestgehend Selbstversorger; was wir erzeugten, wurde verbraucht, eingemacht, eingefroren. Was bei uns auf dem Hof an Müll anfiel, war praktisch nur Kompost, überwiegend Schlachtabfälle, Obst- und Gemüsereste. Wir hatten unsere eigene Milch, die ohne Tetra Pak auskam, und die Lebensmittel, die wir nicht selbst erzeugten, sondern kauften, waren nicht in Plastik verpackt, sondern lose oder in Papier eingeschlagen. Das Stück beschichtetes Papier, in das die Butter verpackt war, war das Einzige für die gelbe Tonne, das meiner Mutter und Oma spontan einfiel.

Heute, ein Vierteljahrhundert später, bin ich selbst Mutter. Schwierigkeiten, die gelbe Tonne vollzubekommen, kenne ich nicht – im Gegenteil. Am Wochenende kaufe ich für meine fünfköpfige Familie ein. Wenn ich sämtliche Plastikverpackungen von den Lebensmitteln entfernt habe, ist der gelbe Sack zur Hälfte gefüllt.

Wer sich im Supermarkt einmal umsieht, gewinnt den Eindruck, dass wir Deutschen des 21. Jahrhunderts unsere Plastikverpackungen lieben: die Äpfel im Plastiksack, die Salatgurken eingeschweißt, die Trauben im Schälchen. Aber der Verpackungswahn geht noch weiter, tatsächlich findet man Obst oder Eier, die erst geschält und dann – ja, im Ernst – in Plastik verpackt wurden. Deutschland liegt im europäischen Vergleich auf Platz 4 der Plastikmüllverursacher; noch mehr Abfälle produzieren in Europa nur Irland, Luxemburg und Estland.

Nun hat das Europaparlament entschieden, dass Einwegprodukte aus Plastik verboten werden sollen – offiziell, um der zunehmenden Umweltverschmutzung entgegenzuwirken. Menschen werfen ihre Abfälle achtlos in die Natur, der Regen spült sie weg, treibt sie in nahe gelegene Gewässer, und so landen sie eines Tages im Meer und werden von Tieren gefressen.

Ein Großteil aller Abfälle, die in der EU angeschwemmt werden, sind aus Plastik. Plastik ist extrem widerstandsfähig und langlebig – eben darum ist es in der Industrie so beliebt -, und braucht viele Jahre, um zu verrotten.

Das Geschäft mit dem Müll
Bilder von verschmutzten Weltmeeren, von verendeten Fischen und Säugetieren am Strand gingen um die Welt. Wen könnten die kaltlassen? Das dachten sich auch die NGOs und sprangen schnell auf den Zug auf. Die Öffentlichkeit liebt Skandale – wenn ein Wal sterben musste, weil Menschen ihren Plastikmüll ins Meer geworfen haben, leuchten in den Augen der NGOs die Eurozeichen auf. Sie leben davon, mit Hilfe von Schreckensbildern Mitleid und Spendenbereitschaft der Öffentlichkeit zu erwecken. Doch auch die EU horcht auf, denn sie versucht seit Jahren, endlich eine eigene Steuer einzuführen, um ihren löchrigen Haushalt aufzubessern – warum also nicht auf Plastik? Die grünen Volkserzieher klatschen begeistert Beifall.

Dass Plastik ein Thema ist, mit dem Emotionen geweckt werden können, zeigten auch die Reaktionen auf die unlängst veröffentlichte Studie aus Österreich, die Mikroplastik – das sind Kunststoffpartikel kleiner als fünf Millimeter – in menschlichen Ausscheidungen nachgewiesen hatte. Jedes große Medium brachte einen Beitrag dazu, der in den sozialen Netzwerken unzählige Male empört kommentiert und geteilt wurde. Kaum jemand machte sich die Mühe, mal genau hinzusehen, sonst wäre aufgefallen, dass es sich um eine Pilotstudie mit nur acht Probanden handelte. Der wissenschaftliche Wert einer solchen Studie darf mit Fug und Recht angezweifelt werden. Auf welchen Wegen Mikroplastik in unsere Gewässer gelangt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Auch ist laut Bundesinstitut für Risikobewertung bislang nicht erwiesen , ob die Aufnahme von Mikroplastik überhaupt ein gesundheitliches Risiko darstellt.

Weg mit den Trinkhalmen
Nun will die EU aber in einem Anflug von hilflosem Aktionismus erst einmal Einwegprodukte aus Plastik verbieten. Nach den Einkaufstüten sollen jetzt die Trinkhalme dran glauben, ebenso wie Teller und Becher – gibt es schließlich alles auch aus Papier, und das gilt als viel umweltfreundlicher, obwohl seine Ökobilanz ziemlich bescheiden ist. Natürlich begrüße ich den Vorstoß, Plastikmüll zu reduzieren.Wer würde das nicht? Wir alle sind uns doch einig darüber, dass ein Großteil der Verpackungen überflüssig ist und vermieden werden könnte. Auch darin, dass Abfälle nicht ins Meer gehören, sondern – nach Material getrennt – gesammelt und recycelt werden sollen. Nur fallen die genannten Produkte im Hinblick auf die Meeresverschmutzung mengenmäßig überhaupt nicht ins Gewicht.

Jeder Deutsche produziert im Schnitt 37 Kilo Plastikmüll pro Jahr. Das ist zu viel, ohne Frage. Eine Plastikverpackung wiegt fast nichts, bis da 37 Kilo zusammenkommen, entsteht ein ganz schöner Müllberg. Andererseits dienen Plastikverpackungen natürlich der Hygiene und erhöhen die Haltbarkeit vieler Lebensmittel – von Medikamenten ganz zu schweigen –, was wiederum Verschwendung vorbeugt.

Deutschland sortiert klaglos
In Deutschland haben wir seit fast 30 Jahren ein ausgeklügeltes Recyclingsystem. Anders als die meisten anderen Länder tragen wir unser Altglas brav zum Container und trennen Plastik- von Papier- und Bio- von Restmüll, wofür wir international nicht selten verspottet werden. Doch obwohl die meisten Verbraucher in Deutschland klaglos ihren Müll in die verschiedenen Mülltonnen einsortieren, kann nur ein Bruchteil dessen, was im gelben Sack landet, recycelt werden.

Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen zu der Zeit, in der meine Oma und viele andere nicht wussten, womit sie die gelbe Tonne füllen sollen. Doch wir können zum einen das Bewusstsein für Müllvermeidung weiter stärken – was auch schon passiert ist, wie zahlreiche ehrenamtliche Müllsammelaktionen und Start-ups wie „Gutes unverpackt“ zeigen – und zum anderen nachhaltig mit dem anfallenden Müll verfahren.

Ein besseres Recycling muss her
Es liegt doch auf der Hand: Wir müssen mehr und besser recyclen! Aktuell existieren zu viele verschiedene Sorten von Plastik. Die können Sortiermaschinen nicht auseinanderhalten. Sinnvoll wäre eine Kennzeichnung von Plastik, anhand derer Maschinen die verschiedenen Stoffe erkennen können. Neue Technologien machen es möglich und stellen sinnvollere Maßnahmen dar, als den Menschen mittels einer Plastiksteuer einmal mehr in die Tasche zu greifen oder den McFlurry in Zukunft unverpackt auf die Hand zu bekommen, weil Plastikbecher verboten sind. Schließlich hängen an der Plastikindustrie auch etliche Arbeitsplätze.

Was aber einen noch viel größeren Beitrag zum Umweltschutz leisten könnte, wäre Aufklärungsarbeit in afrikanischen und asiatischen Ländern. Denn selbst wenn Deutschland im europäischen Vergleich nicht gut abschneidet, so ist Europa doch nur für einen Bruchteil der 140 Millionen Tonnen Plastik verantwortlich, die schätzungsweise in den Ozeanen treiben. Unter den zehn Ländern, die als die größten Meeresverschmutzer gelten, findet sich kein einziges EU-Land. Diese zehn Länder verursachen aber gemeinsam 70 Prozent der weltweiten Meeresvermüllung. Von den 122 am stärksten verschmutzten Flüssen fließt nur einer durch Europa.

Global denken: Wir müssen Entwicklungsländern helfen
Um die Verschmutzung der Ozeane in den Griff zu bekommen, müssen wir also nicht europäisch, erst recht nicht national, sondern vielmehr global denken. Damit wäre nicht nur den Weltmeeren geholfen, sondern auch den Menschen in Entwicklungsländern, die zur Ausübung ihrer Berufe auf saubere Küsten angewiesen sind, obwohl die finanziellen und technischen Möglichkeiten fehlen, um die Gebiete zu reinigen.

In vielen Ländern auf anderen Kontinenten gibt es gar keine funktionierende Abfallentsorgung. Der Staat stellt keine Lösungen zur Abholung von Abfällen bereit. Die Menschen wissen sich nicht anders zu helfen, als ihren Müll in die Flüsse zu kippen, von wo aus er ins Meer getrieben wird.

Häufig mangelt es auch am Problembewusstsein. Entwicklungspolitische Bildungsarbeit und technische Lösungen aus Deutschland könnten dazu beitragen, dieses Problem – das ungleich schwerer wiegt als Strohhalme in deutschen Cocktailgläsern – zu beheben.

Lassen wir andere an den Erkenntnissen, die wir bereits gewonnen haben, teilhaben. Nur so können wir gemeinsam dafür sorgen, dass möglichst viele Plastikabfälle wiederverwertet und einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden.

Der Gastbeitrag wurde bei FOCUS Online veröffentlicht: https://www.focus.de/politik/experten/plastikmuell-im-meer-eu-verbote-loesen-das-problem-nicht_id_9814984.html

Gartenbau

Risikomanagement im Gartenbau

Carina Konrad im Interview mit dem Zentralverband Gartenbau “Für die Betriebe ist die Möglichkeit zur einzelbetrieblichen Risikovorsorge nach meiner Erfahrung daher wichtig. Die Voraussetzungen dafür dort zu schaffen, wo es

Weiterlesen »
Allgemein

Stellungnahme zu Corona-Maßnahmen

Carina Konrad MdB, 18.11.2020: Bei aller berechtigten und nachvollziehbaren Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung dürfen wir nicht vergessen, dass der Umgang mit der Pandemie auch entscheidend ist für die

Weiterlesen »
Ländlicher Raum

Danke für Ihr Vertrauen!

Auf der Landesvertreterversammlung am 07.11.2020 hat die FDP Rheinland-Pfalz mich auf Platz 2 der Landesliste gewählt. Wie meine Kollegen Sandra Weeser aus dem Westerwald und Manuel Höferlin aus Rheinhessen habe ich mich

Weiterlesen »